Ich spreng' dein Gewissen!

Wer kennt das nicht? "Du hast mich mit deinem Verhalten verletzt! Du hast meine Gefühle und meine Bedürfnisse durch deine Absichten untergraben! Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich jetzt in meiner Karriere viel weiter und mein Leben wäre besser!" Gut, das letztere ist zwar eine Art Atombombe unter den Gewissensattentaten, aber sie funktioniert nach dem selben Prinzip.
Es soll heute um sog. "Gefühlsterroristen" gehen. Anlass dafür sind zum einen Bekannte, Freunde, ja sogar Familienmitglieder, aber auch die Medienwelt wirft uns regelmäßig Gefühlsgranaten in den Nacken.

Es hat nicht nur jeder schon mal einen Anschlag erdulden müssen, sondern auch jeder einen Anschlag ausgeführt (mich natürlich eingeschlossen). Man lernt es schon als Kind, wenn die Eltern auf den "Trick" ihres Sprößlings reinfallen. Hier ein etwas extremes Beispiel:
Der Kleine rennt gegen eine Steinmauer und holt sich eine dicke Platzwunde. Die Eltern haben in ihrem elterlichen Lernprozess (oder in der eigenen Kindheit) gelernt, dass man seinen Nachwuchs durch etwas Süßes trösten kann und andersherum hat das Kind erlernt, wie es an Süßigkeiten rankommt. Gibt man dem Kind nun etwas Süßes, um es von der blutenden Stirn und den Kopfschmerzen abzulenken, merkt sich das Kind diese "Belohnung" natürlich. Und so kann es passieren, dass es absichtlich wieder in so eine ähnliche Situation gerät, weil es weiß:
"Hey, ich bekomme mein Naschzeug, wenn ich nur stark genug blute."

Dass sich dieser Terror bis ins Erwachsenenalter schleichen und perfektionieren kann, wissen scheinbar viele Eltern nicht. Woher auch, schließlich nutzen viele ja selbst die Macht des Gewissensterrors, sowie z.B. mit ADHS, oder in Beziehungskleinkriegen oder oder oder...

Doch diese Art Terrorismus kommt natürlich nicht nur bei uns im Privatleben (was für ein charmantes Wort) vor, sondern auch in der Öffentlichkeit. Es fängt beim Supertalent auf RTL an, wenn das vermeintliche Talent von seiner Leidensgeschichte berichet, um zusammen mit dem Sender das Gewissen der Zuschauer in Brand zu stecken und hört bei geistig verletzten Extremisten auf. Letztere können unter Umständen auch mit realen Kugeln feuern, weil ihr Gefühlsterrorismus zum körperlichen Terrorismus übergehen kann. Jeder weiß, wer damit gemeint ist: Neo-Nazis, die über die bösen Ausländer schimpfen, weil sie ihnen "die Arbeit wegnehmen", oder alternativ überhaupt keine Arbeit haben, islamische Extremisten, die sich beleidigt mit ganzen Gebäuden in die Luft jagen, weil irgendjemand böse Worte über deren Gott verloren hat, oder auch Christen, die in ihrer Blütezeit vermeintliche Gotteslästerer von ihrem Augenlicht und der Zunge befreit oder einfach erhängt haben. Dazwischen liegen noch Banker, der Staat oder Großindustrielle - die Liste der geistigen Gewalttäter ist also ziemlich lang.

Woher kommt diese psychische Gewalt? Wie beinahe alles schädliche und unsinnige, was die Menschheit bisher fabriziert hat, ist auch hier wieder mal unter anderem Angst im Spiel.
Ganz häufig ist es meiner Meinung nach die Angst vor Ablehnung. Man hat Angst nicht ernst genommen zu werden, oder seine Ziele nicht zu verwirklichen oder auch gar ignoriert zu werden. Diese Angst kann zum Beispiel durch Erlebnisse aus der Kindheit kommen, wenn das Söhnchen mit seinen Steinchen ein Häuschen gebaut hat und es unbedingt seiner Mutter zeigen möchte, diese aber nur wenig bis gar kein Interesse zeigt, weil sie sich beispielsweise gerade auf RTL2 wiedererkennt. Das Kind registriert in diesem Moment natürlich, dass seine Produktion nicht gut zu sein scheint und möchte unbedingt Anerkennung für das Werk haben. Das Söhnchen hat aber bereits gelernt, wie es eine alternative Art der Anerkennung bekommt: Indem es weint, sich weh tut oder sich sonst wie zum Opfer macht.
Der Weg zur erwachsenen Form dieser Opferrolle ist dann kinderleicht geebnet und der Mensch wird genug Gelegenheiten finden, um sein "Können" zu perfektionieren.

Was sollen wir davon halten? Die Frage ist in dem Fall nicht, wie man mit "so einem Menschen" umgehen soll, denn meistens beherrschen wir Dank der "modernen", westlichen Erziehung diese Methoden selbst und wenden sie mehr oder minder, aber oft genug an - sondern wie wir das in uns "abstellen" können. Seien wir mal ganz ehrlich: Wir ekeln uns doch ein bisschen vor uns selbst, wenn wir erkennen, was für eine Schweinerei wir angerichtet haben, indem wir unser Ziel durch das Mitleid und die Gewissensbisse anderer Menschen durchsetzen konnten.


Mehr von diesen klasse Zeichnungen
findest du in der  Loseblattsammlung :) 


Bis zum nächsten Mal!



Kommentare:

  1. Noch ehe ich zu betreffendem Abschnitt kam, musste ich bereits an die Dicken, die Krebsgeheilten, die Halbarmigen und all die anderen denken, die in Billigcastingshows glauben, mit einer möglichst haarstäubenden Schicksalsgeschichte punkten zu können. Alles sehr scharf erkannt, oder sollte man besser sagen, entlarvt?

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  2. Das ist tatsächlich so. Ich meine nicht, dass so ein Krebs zu unterschätzen wäre oder der Mensch mit Krebs keine Sensibilität und Mitgefühl (!) verdient hätte - aber es ist einfach übermäßig penetrant, wenn RTL sowas rausfindet und daraus ein riesen Geschiss macht.

    Jeder hat so seine Laster und Steinbrocken hinter sich her zu schleppen. Würde ich mich jedoch beim Supertalent bewerben (jetzt wird's bunt), will ich doch nicht weiter kommen, weil die Leute meine Leidensgeschichte kennen - bzw. noch schlimmer wäre, wenn die Leute mich und meinen Charakter auf meine Leidensgeschichte reduzieren und mich nur damit identifizieren.

    Grüße

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  3. wie immer rasiermesserscharf seziert.
    ich schau supertalent an sich ganz gern, aber ich schalte regelmäßig weg oder widme mich anderen dingen, sobald die "geschichten" hinter den leuten vorgetragen wird.
    aber ich will deinen post jetzt nicht nur aufs supertalent reduzieren.
    dieser teufelskreis "gar keine aufmerksamkeit bekommen" und "aufmerksamkeit bekommen bei irgendwelchen katastrophen" kann wirklich nur von den eltern unterbrochen werden, indme man sich mal wirklich mit der brut auseinandersetzt, die man in die welt gesetzt hat. punkt, aus, keine diskussion.
    mein junior meinte letztens (er ist 17), das auf dem letzten dorffest 14-jährige noch nach mitternacht rumrannten und alkohol getrunken haben. das hat ihn aufgeregt. wir: tja ich kann mich vor 2 jahren erinnern, da wolltest du auch unbedingt auf ein fest und lange wegbleiben. ja! meint er. genau! ihr habt es mir verboten! und das war auch gut.
    solche momente sind echt die belohnung.

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  4. Das Bild eines Geisteschirurgen gefällt mir irgendwie ;D
    Wow nicht schlecht, sowas hab ich meinen Eltern mit 17 noch nicht gesagt :D Aber die Generationen werden ja immer intelligenter, wie ich finde.

    Man kann sich ein Beispiel an uralten Stämmen in Südamerika nehmen. Die sehen ihre Kinder nicht als Kinder, sondern als Menschen an, die nur noch nicht soviel drauf haben. Bei denen gibts auch übrigens keine Bestrafungen, kein Anschreien oder sowas. Die Idee find ich interessant.

    Herzlichen Dank, wieder mal ein sehr schöner und ausführlicher Kommentar von dir Söckchen!


    Grüße

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  5. Wir leiden so an Reizüberflutung durch alle möglichen Medien. Dadurch werden unsere Gehirne "aufgeweicht", so dass wir oft in die Situation gelangen, nicht mehr zu wissen was wichtig ist und was nicht. So hält unsere Aufmerksamkeit nur wenig bis gar nicht an.

    Und jeder von uns braucht nun mal Aufmerksamkeit, die anderen im frühen Kindesalter, die anderen später. Und damit wir diese kriegen, sei es nur für einen Moment, erfinden wir immer wieder neue Strategien. Und diese Strategien setzen wir mit allen Mitteln durch, egal ob die Mittel der anderen Person "schaden" (schlechtes Gewissen machen).

    Ich persönlich muss gestehen, dass ich im Kindesalter Aufmerksamkeit meiner Eltern eher gemieden hab. Wenn ich mir weh getan habe, hab ich nicht geweint weil ich meine Ruhe haben wollte und nicht getröstet werden wollte. Später im hormonüberfluteten Teenageralter schrie ich um Aufmerksamkeit, und das mit allen mir erdenklichen Mitteln...

    Wir ekeln uns zwar selbst vor unseren Schandtaten, doch seien wir ehrlich: Was ist besser? Dieses Ekelgefühl oder die kurzen Momente purer Aufmerksamkeit? Ich denke mal das zweite, und das lässt das Ekelgefühl ganz schnell wieder verblassen.

    Und heutzutage wird es immer schwerer Aufmerksamkeit zu erlangen, da uns, unsere von Menschenhand geschaffene Medien wie Smartphone, Internet, etc., im Wege stehen. Ich denke das artet in den nächsten Jahrzehnten noch stärker aus.

    PS: Gefühlsterroristen, ein tolles Wort!


    Lg

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    1. Danke für deinen Kommentar Alina!
      Das Wort stammt leider nicht von mir, ich hatte es vor langem mal aus irgendner Zeitschrift aufgeschnappt, aber es hätte mit anständiger Wahrscheinlichkeit von mir sein können ;)

      Ich finde deine Aussagen insoweit schon korrekt, aber auch da würde ich lieber noch ein wenig differenzieren: "Wir" leiden. Ich finde, es gibt genug die leiden, aber immer noch nicht alle. Das hängt wiederrum davon ab, wieviel "Medien" wir konsumieren und WER Medien konsumiert. Vielleicht hat jemand, der sowieso schon die Neigung hat ein Tagträumer oder eher fauler Mensch zu sein, der gerät auch leichter in diesen "Zombiemodus", in dem er seine Prioräten durcheinander bringt. Letztendlich muss sich jeder selbst einschätzen und seine Dosis Fernsehen oder Internet am Tag festsetzen(sich entscheiden). Denn nicht alles ist negativ daran, sonst könnte ich z.B. das hier gar nicht schreiben ;)

      Das mit deiner Kindheit finde ich interessant, denn bei mir das sehr ähnlich aus. Du hast damals anscheinend dein Pensum für Aufmerksamkeit schon durch irgendwas anderes erreicht, was die Aufmerksamkeit durch deine Eltern überflüssig machte. Vielleicht war dir das andere in der Pubertät wiederrum peinlich oder nicht mehr vorhanden. Aber ich will hier jetzt nicht herumraten ;)

      Diese Frage, was denn nun besser ist, kann nur jeder für sich beantworten. Wenn ich beispielsweise in einer banalen Situation mit einem Menschen streite und anfange, mich als Opfer darzustellen (damit dieser Mensch z.B. aufhört eine bestimmte Sendung zu gucken) und dann seinen Willen aus "Mitleid" zurückstellt, dann fühle ich mich im Nachhinein so, als hätte ich diesen Gefühlsterroristischen Anschlag auch auf mich selbst verübt. Das veranlasst mich dazu, es das nächste Mal anders zu probieren, weil ich meinen Willen nicht durch das Mitleid anderer durchsetzen möchte. Aber wie gesagt, das ist nur meine Wahrnehmung..


      Grüße

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  6. Aufmerksamkeit erlangen, wer möchte sie nicht.

    Letztlich gilt es wohl auch für mich, sonst dürfte ich eigentlich hier nicht schreiben.

    Doch würde ich natürlich nie soweit gehen wie so mancher im TV vorgeführte, aber hier ist das Geld als Hintergrund nicht zu vernachlässigen.

    Gefühlsterrorismus ist ein tolles Wort und es wird gerade von den Medien mit allen erdenklichen Varianten auf der Klaviatur des Machbaren angewandt um uns alle damit zu Gefangenen zu machen, zu Opfern des Voyeurismus.

    LG Björn:-)

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    1. Schön gesagt Björn! Wir sind Opfer des Voyeirismus.
      Wenn man einen Pressesprecher eines Senders fragt: "Wieso sendet ihr eigentlich diesen ganzen Schwachsinn Tag ein Tag aus?" dann erhält man diese simple Antwort:" Weil die Leute das sehen wollen!"

      Diese Antwort ist in meinen Augen gar nicht mal so falsch, im Grunde sind beide Parteien Schuld an der Volksverblödung. Klar, die Medien könnten sich einerseits entscheiden "Mitten im HartzIV-Leben" nicht zu senden, aber andererseits kommt es auch sehr gut an!

      Medien handeln nach dem, was ihnen den meisten Profit bringt und das ist doch eigentlich eine große Schwachstelle. Wir könnten das Geschehen so leicht beeinflussen, indem wir diesen Scheiß einfach wegschalten - denn dann würden die Senderchefs natürlich denken:"Oh, na das war jetzt ein Schuss nach hinten, so eine Sendung machen wir nicht so schnell wieder."

      Sind wir also demnach Opfer, oder eher Täter des Voyeurismus? ;)


      Grüße!

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    2. Medien, Klaviatur... nehm ich jetzt noch Scheinheiligkeit als Stichwort dazu, dann muss ich unweigerlich an dies hier denken.

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